Ambulant vor stationär – Ein schlechter Witz

HausEin Arbeitnehmer hat nach der neuen Pflegereform das Recht, sich in einer akuten Notsituation eines Angehörigen bis 10 Tage freistellen zu lassen, um eine adäquate Versorgung zu organisieren. Bei Betrieben ab 15 Mitarbeitern kann man sich einmalig für eine Pflegezeit von bis zu 6 Monaten freistellen lassen, um einen nahen Angehörigen mit mindestens Pflegestufe 1 im häuslichen Bereich zu pflegen.

Hört sich ja erstmal gut an!

In kleineren Betrieben darf der Chef diese Freistellung ablehnen. Das ist der erste Haken. Und es wird noch „hakeliger“: Egal wie,  in diesen Zeiten hat man keinerlei Anspruch auf Lohnfortzahlung. Die einzige Leistung, die man erhält, sind die Rentenversicherungsbeiträge und den Betrag für häusliche Pflege, die von der Pflegekasse des zu Pflegenden übernommen werden.

paragraphenzeichenSeit einem Jahr ist dieses Gesetz in Kraft, und ich habe bisher in meiner Arbeit in der Klinik keinen einzigen Angehörigen kennengelernt, der es sich hätte leisten können, diese Pflegezeit in Anspruch zu nehmen.
Dabei wäre die Bereitschaft durchaus vorhanden – aber den meisten ist es finanziell nicht vergönnt, sich mal eben 6 Monate aus der Erwerbstätigkeit zu verabschieden. Wenn hier keine Lösung gefunden wird, eine finanzielle Vergütung à la Erziehungsgeld zu erhalten, kann man diesen Teil der Pflegereform getrost in die  Tonne kloppen.

Auch der gesetzliche verankerte Grundsatz „ambulant vor stationär“ wird damit zum wiederholten  Mal mit Füssen getreten. Dies erkennt man auch daran, dass nach wie vor  Pflege durch Angehörige mit einem Taschengeld (Pflegestufe1 = 205 € im Monat) abgespeist wird, ein ambulanter immerhin mit der doppelten Leistung entlohnt wird und ein Pflegeheim mit 1023€ bezuschusst wird.

Ich denke, es könnten sehr viel mehr Pflegebedürftige zu Hause versorgt werden, wenn gleiche Leistung auch gleich bezahlt würde! Hier geht es ja nicht nur um eine annähernde faire Entlohnung der Pflegenden, sondern auch um die Möglichkeit, sich regelmäßig Entlastung „leisten“ zu können.Smilie *hmmpf