Gestern standen wir noch vor dem Abgrund, heute sind wir schon einen Schritt weiter?

Das Team, zu dem ich gehöre, ist täglich konfrontiert mit Krankheit, Verzweiflung, Frustration, Abschied, Sterben. Als Klinikmitarbeiter spürt man dazu die Auswirkung leerer Kassen, DRGs („Fallpauschalen“), Personalnot, schlechter Bezahlung direkt und ungefiltert. Selten vergeht ein Tag, an dem ich als Sozialarbeiterin nicht gegenüber Patienten und Angehörigen rechtfertigen muss, dass der Entlasstermin bald naht und Lösungen gefunden werden müssen. JETZT.

Täglich muss ich vor den Betroffenen ein System verteidigen, welches Pflegefälle quasi produziert, weil den alten Menschen im Schnitt einfach zu wenig Zeit zur Erholung und Rehabilitation nach Knochenbrüchen und Schlaganfällen etc. gewährt wird. Und wenn derjenige eben nicht innerhalb seiner ihm zugedachten DRG-Zeit halbwegs fit ist, dann heisst das häufig Pflegeantrag stellen und Kurzzeitpflege suchen. Zeit gewinnen. Zeit, in der dann nichts mehr vorangeht, weil der Hausarzt nur noch 6 mal Krankengymnastik aufschreibt.

Dabei werden hier nur Kosten „verschoben“. Die Krankenkasse ist mit ihrer Pauschale fein raus, die Pflegekasse muss ran.  Der Sinn dieser Umschichtung erschliesst sich mir auch nach fast 5 Jahren in der Klinik nicht.

Und trotzdem! Trotzdem geh ich jeden Tag wieder gerne zu „meinen“ Oldies. Zu einem Team von Mitarbeitern, die genau wie ich den Humor nicht verlieren und versuchen, das Beste für jeden Patienten aus seiner Situation herauszuholen, sie motivieren, nicht aufzugeben.

Mir ist dabei vollkommen klar, dass die Kostenträger im Grunde mit diesem hohen Einsatz der Mitarbeiter kalkulieren.

Und ich als kleines Rädchen im Getriebe, ich spiele das unfaire Spiel mit. Oft frage ich mich, ob das richtig so ist, ob wir nicht alle das fragile System zum Zusammenbruch bringen müssten, damit von Oben her endlich gehandelt wird und die Bedingungen für Patienten und Mitarbeiter verbessert werden.

Rette sich, wer kann? Sind wir eigentlich noch zu retten?