Was sind eigentlich Sexualbegleiter?

Mit dem Start in das Jahr 2017 stellen sich neue Herausforderungen – darunter die Sexualität von Menschen mit Behinderung. Während es für Menschen ohne Behinderung kein Problem ist sexuelle Befriedigung zu erlangen, gibt es für Menschen mit Handicap unüberwindbare Schwierigkeiten. Lähmung, geistige Behinderung oder andere Hindernisse führen dazu, dass die Sexualität nicht ausgelebt werden kann.
Reportagen wie zum Beispiel über Betty (Quelle: Süddeutsche Zeitung ) zeigen, dass es bereits Lösungsansätze gibt, um gegenzusteuern. Die 73 jährige Betty ist geistig behindert, fast blind und Jungfrau. Ihre ersten sexuellen Erfahrungen macht sie mit dem Sexualbegleiter Jean. Ihr und vielen anderen Behinderten verhelfen diese Begegnungen zu Entspannung und Frohsinn. Auch in der Politik wird das Thema Sexualbegleiter/innen heiß diskutiert.

Aktuelles zur Sexualbegleitung
Für Menschen mit Behinderung gibt es inzwischen viele durchaus positive Veränderungen, u.a. im Bereich Infrastruktur, Gesellschaft und Sozialwesen, doch ein Tabu bleibt bestehen. Dieses Tabu wurde von „die grünen“-Politikerin Elisabeth Scharfenberg, in einem Interview ins Visier genommen: „eine Finanzierung für sexuelle Assistenz ist für mich vorstellbar“. Mit Blick auf die Niederlanden wird eine Kostenübernahme von sexuellen Dienstleistungen für Pflegebedürftige und Beeinträchtigte Menschen angestrebt. Dort ist „Sex auf Rezept“ – sofern das Bedürfnis ärztlich bestätigt wurde – möglich. In diesem Kontext kristallisieren sich Sexualbegleiter/innen bzw. Surrogatpartner/innen heraus, die dieser Dienstleistung gerecht werden. Das Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter(ISBB) mit Standort in Trebel (Quelle:ISBB Trebel ), bildet kompetente Surrogatpartner/innen aus.

Was zeichnet Sexualbegleiter/innen aus?
Oft wird dieser Beruf mit Prostitution gleichgesetzt und eine staatliche Ausbildung gibt es nicht. Trotzdem muss man eine klare Grenze zwischen Prostituierten und Sexualbegleitern machen. Darüber hinaus kann man Sexualassistenz und Sexualbegleitung nicht ohne weiteres gleichsetzen. Eine Surrogatpartnerschaft wird zwischen Klient und Dienstleister/innen eingegangen, indem die zusammen verbrachte Zeit berechnet wird. Im Gegensatz dazu steht die Prostitution, bei der eine bestimmte – von Kunden geforderte – Leistung erbracht und bezahlt wird. Voraussetzung für Surrogatpartner/innen ist eine therapeutische Ausbildung, welche Prostituierte oder Sexualassistenten nicht haben, d.h. die Sexualbegleitungen haben auch die Funktion therapeutisch zu agieren.

Ein weiteres Kriterium, um Prostitution und Sexualbegleitung zu unterscheiden ist, dass die Begleiter/innen reflektiert agieren. Gefühle, Kommunikation, emotionale Nähe und – nicht zwingend – körperliche Nähe, sind Hauptmerkmal der Treffen zwischen der eingeschränkten Person und der Begleitung. Jedes Treffen ist dabei einzigartig und die Interagierenden entscheiden zusammen und anhand der Stimmung wie weit die physische Erfahrung reicht (auch Geschlechtsverkehr ist möglich). In diesem Kontext befasst sich die ISBB auch mit den Standards, Rechten und Leistungen eines/r Sexualbegleiters/in, welche in einem Patent „Empower-Sexualbegleitung ISBB ®“ eingebettet sind.

Pro und Contra – Finanzierung der Sexualbegleitung in Deutschland?
Die Sexualbegleitung ist eine große Herausforderung für die Politiker/innen und gleichzeitig eine große Chance für Behinderte. Im Bad eines Pflegeheims fängt der Patient an mit einer Pflegerin zu flirten und versucht sie zu küssen, wodurch diese sich belästigt fühlt. Diese Art von Situation ist kein Einzelfall und auch Angehörige sind mit diesen Problemen konfrontiert. Hat eine Familie zum Beispiel einen Autisten als Sohn, so kommt es im Jugendalter dazu, dass sich dieser sexuell weiterentwickelt und Andeutungen oder Aktionen keine Ausnahme sind. Hilflosigkeit bei den Angehörigen ist die Folge, die vermeidbar ist, da man die Möglichkeit hat offen darüber zu sprechen und durch die Sexualbegleiter/innen sexuellen Bedürfnissen gerecht zu werden. Eine Theorie ist, dass die Behinderten selbstbewusster und ruhiger sind, wenn sie ihre sexuelle Persönlichkeit ausleben können. Dadurch erfahren sie Liebe, Zuneigung und Intimität. Anhand dieser Aspekte kann man die Notwendigkeit ableiten, Sexualbegleitung für körperlich- und geistig beeinträchtigte Personen zu finanzieren und einzusetzen.

Einen Lösungsansatz für die Finanzierung bietet – wie oben erwähnt – die Niederlande, d.h. ein Rahmen für eine mögliche Umsetzung ist bereits vorhanden. Tabuisierung seitens der kirchlich-konservativen ist bis heute vorhanden. Die Übertragung des niederländischen Finanzierungsprinzips auf Deutschland ist nicht von jetzt auf gleich umsetzbar. Darüber hinaus gehöre die Sexualbegleitung laut Horst Vöge, NRW-Landesvorsitzender des Sozialverbands VdK nicht zur Pflege- versicherung. Durch Elisabeth Scharfenberg ist trotzdem ein wichtiger Schritt in die Richtung der Behinderten, Pflegebedürftigen und immobilen Individuen unserer Gesellschaft gemacht worden. Das Ziel von sexueller Selbstbestimmung rückt näher.

Geschrieben am von Tobias

1 Kommentar

Kategorie: Allgemein

Ein Kommentar zu Was sind eigentlich Sexualbegleiter?

  1. Hallo Tobias, ich bin im Zuge meiner Recherche zum Thema Sexualbegleitung auf Deinen Blog gestossen. Es ist ein schwieriges Thema, dem auch ich mich verschrieben habe. Die Puh-Rufe sind laut, doch durch Beiträge wie diesem werden sie hoffentlich immer leiser. Es ist ein überaus wichtiger Schritt, auf die Defizite in unserer Gesellschaft hinzuweisen und das Recht auf Entfaltung der eigenen Sexualität – bei behinderten Menschen eben mit Unterstützung – wird m.E. noch zu oft ignoriert. Weiter so 😉

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