Clemens Kuby: Unterwegs in die nächste Dimension

Buch 'Unterwegs in die nächste Dimension' von Clemens KubyClemens Kuby, Dokumentarfilmer und Publizist, reiste zwei Jahre lang um die Welt zu den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen, um für einen Film über Heiler und Schamanen Material zu sammeln. Unterwegs in die nächste Dimension – Meine Reise zu Heilern und Schamanen ist auch der Titel des Buchs zum Film, welches wir hier vorstellen.

 

Der Autor Clemens Kuby – Sohn des Publizisten Erich Kuby und Neffe des Physikers Werner Heisenberg – gehörte in den 1970er Jahren zu den Vordenkern und Mitbegründern der Grünen. Von den politischen Machtspielen und Intrigen in der Zeit unmittelbar nach der Parteigründung seelisch schwer mitgenommen, unternahm er im Alter von 33 Jahren einen Selbstmordversuch, mit resultierender Querschnittlähmung. Dieser – buchstäbliche – Bruch in seiner Biographie wurde zum Ausgangspunkt für ein Leben, das der Selbstheilung und spirituellen Suche gewidmet ist, beginnend mit seiner unwahrscheinlichen Genesung trotz zertrümmerten Lendenwirbels.

Bekannt geworden ist Kuby in den 1980ern und 90ern durch eine Reihe ausgezeichneter Dokumentarfilme, die sich zumeist mit seiner Faszination für Tibet, Schamanismus und geistiges Heilen befassen, darunter der wunderschöne Bericht „Living Buddha“ über die Entdeckung des Karmapa, der vor Jahren auch im Fernsehen lief.

Das Buch

Im Jahre 2003 hat Kuby auf Basis einer seiner Dokumentarfilme das vorliegende Buch verfasst, das sich inzwischen zu einem Longseller entwickelt hat. Und das nicht ohne Grund, denn ungeachtet des reißerischen Titels hebt es sich von der meist breiigen Flut esoterischer Publikationen und psychologischer Selbsthilferatgeber positiv ab. Das Buch liegt mir gegenwärtig nicht mehr vor, ich greife daher im Folgenden auf meine Notizen zurück.

Nach der Schilderung seiner allmählichen Genesung widmet Kuby den Großteil seines Buches verschiedenen Schamanen und Geistheilern rund um den Globus, die er für die dem Buch zugrunde liegende Filmdokumentation selbst aufgesucht und zuweilen „getestet“ hat. Diese Heiler entstammen – dies ist wichtig zu bemerken – sämtlich einem Hintergrund, der sich aus den jeweiligen kulturellen und religiösen Traditionen speist, also nicht etwa New-Age-Gurus oder dergleichen, sondern traditionelle Schamanen, Medizinmänner, Sufi-Heilige etc. Schauplätze sind Texas, Peru, Westafrika, Sudan, Nepal, Indien, Myanmar und die Philippinen. Auch russische und koreanische Heiler werden porträtiert.

Die Kapitel zu den einzelnen Heilern und Schamanen sind unterhaltsam und lesenswert, wenn auch ohne klare Unterscheidungskriterien dargeboten – das eindrucksvolle Porträt einer tibetischen Schamanin, deren Stimme und Physiognomie sich im Trance-Zustand ändert und die dabei zutreffende Heilanweisungen gibt, und das eines der Trunksucht verfallenen etwas dubiosen US-amerikanischen Heilers mit indianischen Wurzeln und möglicherweise schamanischen Restbeständen werden praktisch ohne Wertung in eine Reihe gestellt. Das hat immerhin den Vorteil, dass sich der Leser so leichter selbst ein Urteil erlauben kann. Die Porträts sind anschaulich, und Kuby verschweigt auch die häufigen Misserfolge einzelner Heiler nicht. Besonders faszinierend seine Begegnungen mit einer Sufi-Gemeinde im Sudan und mit einem philippinischen Geistheiler – zwei Berichte, in denen deutlich wird, dass außerhalb der Zone europäisch geprägter Mentalität die Grenzen zwischen Objektivität und Imagination fließend sein können und sich einer befriedigenden Analyse und Beurteilung entziehen.

Kuby betrachtet die teils erstaunlichen Heilerfolge mit einer Mischung aus Offenheit und Skepsis. Sein gedanklicher Versuch, die beobachteten Phänomene allein auf Glauben oder Autosuggestion zurückzuführen, bleibt dabei unbefriedigend und sein wiederholter Verweis auf (in dem Zusammenhang wenig relevante) Ergebnisse der Hirnforschung etwas bemüht. Man bekommt insgesamt den Eindruck eines ehemaligen Rationalisten oder Wissenschaftlers, der sich nach einem Prozess radikalen Umdenkens bemüht, eine Brücke zwischen seinem früheren und seinem jetzigem Ich zu schlagen. Die allzu große Selbstsicherheit bei seinen umfangreichen Ausführungen zu den philosophisch-kosmologischen, d.h. esoterischen Grundlagen für Heilprozesse, erfreulicherweise durch eigene Kapitel von den Fallberichten abgegrenzt, wirkt etwas störend (woher weiß er worüber er spricht?), aber dank der offenen und schlüssigen Argumentation lassen sich seine Gedankengänge immerhin leicht nachvollziehen.

Das Highlight des Buches kommt dann unerwartet ganz zum Schluss. Die letzten Kapitel bieten eine scharfsinnige und dabei konstruktive Fundamentalkritik an den Strukturen und der zunehmenden Kommerzialisierung des deutschen Gesundheitswesens, die sich wirklich gewaschen hat. Kuby schildert darin anschaulich die psychologischen Mechanismen, die das fast kindliche Vertrauen in die Allzuständigkeit von Pharma und Medizintechnik begünstigen und den fragwürdigen Umgang mit Krankheit und Gesundheit als Wirtschaftsfaktoren und handelbarer Ware erst ermöglichen.

Fazit

Insgesamt bietet das Buch einen gelungenen und unterhaltsam verfassten Einblick in die Welt der Heiler und Schamanen verschiedener Kulturkreise rund um den Erdball, begleitet von für dieses Genre ungewöhnlich intelligenten und realitätsnahen Überlegungen zum Thema Selbstheilung. Prädikat: lesenswert


Buch

Das Buch:

» Clemens Kuby: Unterwegs in die nächste Dimension, Goldmann 2008, 352 Seiten (broschiert)

» Clemens Kuby: Unterwegs in die nächste Dimension, Kösel 2003, 340 Seiten (gebunden)

Als Hörbuch:

» Clemens Kuby: Unterwegs in die nächste Dimension (Audiobook)

Der Film zum Buch:

» Clemens Kuby: Unterwegs in die nächste Dimension (DVD)

» Clemens Kuby: Unterwegs in die nächste Dimension (VHS)

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