Promis sagen… Birgitta Weizenegger

Birgitta WeizeneggerIn unserer Serie „Promis sagen…“ lassen wir Prominente zu Wort kommen, die uns ihre Erfahrungen und Gedanken zum Thema „Behinderung“ mitteilen möchten.

Einen ausführlichen Beitrag als Reaktion auf unsere Fragen zur Verfügung gestellt hat uns diesmal Birgitta Weizenegger, Darstellerin der Ines Kling in der ARD-Fernsehserie „Lindenstraße“ und Filmemacherin (www.heimwehfilm.com).

Hier der Beitrag von Birgitta Weizenegger:

Vor einigen Wochen kam Ihre Anfrage, ob ich etwas zum Thema „Behinderung“ in Ihrem Blog beitragen möchte. „Ja, natürlich, gerne“ dachte ich mir und legte die Anfrage in meinen „To do“-Ordner ab. Die Hektik des Alltags hatte mich schnell wieder gefangen und ich dachte nur noch selten an den Bericht, den ich schreiben wollte. Über meine Erfahrung als Schauspielerin in der Rolle Ines Kling, die nach einem Unfall monatelang im Koma lag. Über die Recherchen, wie ein Mensch mühsam wieder das Sprechen und das Gehen erlernen muss. Ein Arzt zeigte mir Fotos, wie sich Menschen verändern die monatelang im Koma liegen, und erklärte mir den langen Weg zurück ins Leben. Aber das war ja nur im „Spiel“, ich konnte aussteigen. Vom Krankenbett aufstehen, wenn die Szene im Kasten war.
Erst als mich Menschen, die das Schicksal im realen Leben erfahren haben, auf der Straße ansprachen und anfingen von ihrer Geschichte zu erzählen, wurde mir wieder bewusst, wie viele Schicksale hinter verschlossenen Kliniktüren auf Heilung warten und oft einen vergeblichen Kampf führen. Denn wenn sie entlassen werden und mit einer Behinderung den Alltag gestalten müssen, fängt ein neuer Kampf an.
Berührungsängste der Gesellschaft, Behördengänge für dringend notwendiges Pflegepersonal. Ein Glück wer sich in dieser Situation im warmen Schoß der Familie wiederfinden darf.

Darüber wollte ich schreiben und wie ich eingangs erwähnte, vergaß ich Ihre Anfrage in meiner „To do“-Liste.
Das Ensemble der Lindenstraße gründet 2002 die Organisationseinheit: „Lindenstraße hilft“.
Die Schauspieler organisieren in Eigenverantwortung diverse Events, für Kinder-Einzelschicksale oder Organisationen die unsere Hilfe über den Paritätischen Wohlfahrtsverband anfragen. Von Autogrammstunden bis zu Galas, auf denen wir Geld sammeln oder Versteigerungen durchführen, waren die Schauspieler der „Lindenstraße“ in den letzten 7 Jahren bundesweit für Kinder im Einsatz.

Vor zwei Tagen kam ich von einem Einzelschicksal mit dem Namen Emma Rosa zurück.
Meine Information war: Eine Charity-Veranstaltung für ein 9-jähriges Mädchen, das seit einem Unfall vor einem Jahr vom Hals ab gelähmt ist. Mit zwei Lindenstraße-Kollegen, die dafür aus Berlin anreisten, und einem Gutschein zur Versteigerung einer Komparsenrolle fuhren wir zu Emma Rosa nach Marl.

Herzlich wurden wir von dem Organisator der Charity-Veranstaltung, der Emma Rosas Patenonkel ist, in Empfang genommen. Ein 9-jähriges Mädchen mit wachen Augen, deren Kopf eine Mütze mit den Initialen eines Fußballvereins zierte, lag in einem Rollstuhl an einem Pommes-Stand und wurde von ihrer Mutter mit Pommes gefüttert.

„Emma Rosa war die lebhafteste von drei Kindern“, wird uns erklärt, „kein Baum war ihr zu hoch, sie war ständig in Bewegung und sie spielte sehr gerne Fußball. Und von einer Sekunde zur nächsten ist alles vorbei…“  Ein Unfall mit einem Quad der sich verselbständigte und in Emma Rosas Rücken knallte war der Auslöser für ein wochenlanges Koma und eine Lähmung vom Hals abwärts.

Emma Rosa, das hübsche Mädchen, das wie ein Junge auf Bäume kletterte, liegt jetzt bewegungslos in einem Rollstuhl, kann nur durch eine Beatmungsmaschine atmen und lächelt ihre Mutter an, die ihr gerade eine große Pommes zum Mund führt.

Die Eindrücke des Tages begleiteten mich auf dem Weg nach Köln und ich erinnere mich an Ihre Anfrage.

Ich möchte Ihnen meine Gefühle mitteilen, als ich „Emma Rosa“ sah. Auch wenn das Wort Demut veraltet ist und mit Klischees behaftet. Aber ich empfand Demut, als mich Emma Rosa mit ihren wachen, lebhaften Augen ansah. Dieses „Hans Dampf in allen Gassen“-Mädchen wird plötzlich zu einem schweren Pflegefall, das noch nicht mal mehr selbständig atmen kann, und dennoch lächelt Emma Rosa, wenn sie Pommes essen darf.
Dieses Bild hat mich zutiefst berührt und ich wünsche Emma Rosa und ihrer Familie auf diesem Weg alles Gute und ganz viel Kraft!

Liebe Grüße, Birgitta

www.birgitta-weizenegger.de

www.heimwehfilm.com

Wir bedanken uns herzlich bei Birgitta Weizenegger für ihren für 4hc verfassten Beitrag.

Ein Kommentar zu Promis sagen… Birgitta Weizenegger

  1. Claudia Schütt

    Liebe Birgitta,
    ich habe grad‘ Deinen Bericht gelesen. Du wirst Dich evtl. nicht an mich erinnern… ich bin die Freundin von der Familie von Emma und war in Marl an der „Bier-Bon Kasse“ und habe mit Sarah, Gunnar, Edda und der Familie und den Freunden von Emma noch reichlich den Barinhalt der „Lohmühle“ des nächtens geleert. Wie auch immer – wollte Dir nur mitteilen, dass ich Deinen Bericht sehr gut finde und mir durch solche Aussagen wieder bewusst wird, wie viel Emotionen die Situation von Emma hervorruft. Für mich ist die Situation um Emma schon fast „normal“ – wie traurig. Du hast Deine Empfindungen sehr ehrlich wiedergegeben. Danke dafür. Ganz liebe Grüße – auch an Sarah und Gunnar – sendet Dir Claudia aus Düsseldorf
    P.S. dies ist übrigens mein erster Kommentar auf eine Internet-Präsenz oder ähnliches. War mir ein Bedürfnis Dir mitzuteilen, dass Du was gutes und herzbewegendes geschrieben hast.