Die Polizei – kein Freund und erst recht kein Helfer!

Die folgende Begebenheit hat sich vor zwei Wochen zugetragen. Eigentlich war ich ja schon auf dem Heimweg…

Meinen Fahrradhelm hatte ich schon in der Hand, als ich mitbekam, dass ein Bewohner von unserer Kurzzeitpflege (ich arbeite 60% in einer Klinik für Geriatrie, 40% in einem Pflegeheim beim gleichen Träger) nicht aus dem ihn bringenden Taxi aussteigen wollte.

Er ist zur Kurzzeitpflege bei uns angemeldet gewesen, weil seine Frau, die den demenzerkrankten Herrn seit zwei Jahren pflegte, dringend eine Kur benötigte. Soweit so gut. Tagsüber sollte er weiterhin in seiner Tagespflege betreut werden und von dort fuhr das Taxi inklusive Begleitperson nun zu uns. Er stieg nicht aus. Bockig wie ein Kind weigerte er sich.  Alle Ablenkungsversuche nutzten nichts.

Nach einer halben Stunde guten Zuredens stieg er dann doch endlich aus. Ich fühlte mich schon auf der sicheren Seite, aber als wir den Herrn ins Haus begleiten wollten, schlug er um sich und lief fort – Richtung Innenstadt.Der Begleitperson und mir gelang es nicht, ihn von einer Umkehr zu überzeugen. Er wurde immer aggressiver und lief einfach weiter. Mir wurde klar, jetzt wird’s schwierig. Er drohte mir Schläge an, lief bei Rot über Hauptverkehrstrassen, war einfach in seinem Laufbedürfnis nicht zu bremsen.

Per Handy informierte ich den Wohnbereich und bat die Kollegen, die Polizei zu verständigen. Schließlich lag nun Eigen – und Fremdgefährdung vor, und wir brauchten dringend Hilfe. Brav liefen wir immer weiter hinterher, um ihn an Straßen zumindest kurz am Rüberlaufen zu hindern, in dem wir kurz seine Jacke fassten und deftige „Maulschellen“ riskierten.  Das war das einzige, was wir tun konnten in diesem Moment. Immer wieder informierte ich meine Kollegen, wo wir gerade waren und bat um Infoweitergabe an die uns hoffentlich bald findenden Staatsdiener…. Aber irgendwie kam keiner.

Das Ganze Gelaufe endete, nachdem Herr X sich müde gerannt hatte und schlicht nicht mehr weiterkonnte. Das war nach einer dreiviertel Stunde, wir hatten also ordentlich Strecke gemacht. Endlich wurde er friedlich und wir konnten ihn dazu bewegen in einem Dönerbüdchen Platz zu nehmen. Ein letzter Anruf, wo wir sind, ja, die Kollegen der Polizei kämen gleich…

Etwa 20 Minuten später liefen die Herrschaften total genervt auf. Ich schilderte Ihnen den Hergang und erntete erstmal gute Ratschläge, wie man mit Demenzpatienten umzugehen habe. Sie glaubten mir offensichtlich nicht, was sich bis dahin zugetragen hatte. Daran änderte auch nichts, dass die Begleitperson alles bestätigte. Wir standen da wie blöd.

Nunja, damit musste ich jetzt eben leben. Unser „Wegläufer“ war nun lammfromm, zugänglich, nur an seinen schweren Wortfindungsstörungen merkte man, dass er schon fortgeschritten erkrankt ist.

Jedenfall dachte ich, nun fahren uns unsere Freunde und Helfer zurück. Aber Pustekuchen. Herr X war inzwischen so entspannt, dass er unter sich uriniert hatte. Am Boden war eine eindeutige Lache zu erkennen, die der Dönerbudenbesitzer mit Großmut nahm, als ich ihn um einen Lappen bat. Er meinte ganz gelassen, das sei kein Problem, er wische es später auf. Dieser Mensch war der einzige Lichtblick, er blieb freundlich und zugewandt, obwohl man im grad ins Gaststübchen gepinkelt hatte.

Anders die Polizisten. „So nehmen wir den nicht mit! Das geht nicht, da werden die Sitze beschmutzt!“

Mir stand der Mund offen. Auch mein Vorschlag, etwas unterzulegen (in der Apotheke nebenan hätte ich Unterlagen geholt), wurde strikt abgelehnt. „Am Ende kriegt er noch nen epileptischen Anfall. So nehmen wir ihn nicht mit.“ – BASTA‘

Meine Nachfragen, was sie mit den vielen Betrunkenen machen, die gerne mal ins Auto speien, wurde überhört. Ganz gnädig wollten sie uns dann einen Krankentransport rufen. Ich war einverstanden, inzwischen waren wir seit 2 Stunden unterwegs! Mein Handy war tot, Akku alle.

Der Rettungswagen (nicht, wie besprochen ein Krankentransport) kam dann nach 20 Minuten auch endlich. Wieder Diskussionen. Wir hätten da wohl ein Pflegeproblem, müssten unsere Leute schon besser beaufsichtigen etc. An guten, wenn auch inkompotenten Ratschlägen wurde hier auch nicht gespart. Dennoch wurde Herr X freundlich in den Rettungswagen gebracht, wo er auf eine Unterlage gesetzt wurde. Haleluja, es geht zurück – endlich!

„Jahaaaaa, wir fahren den Herrn gern heim, wer zahlt die 500 Euros? Ist ja schließlich kein Notfall!“ so der kluge Rettungssanitäter.

In mir machte sich langsam Verzweiflung breit. Weil es so einen Spaß macht – erneute Diskussionen. Das Ende vom Lied war, dass der Sani ganz großzügig ein Taxi rief. Mir wurde gesagt, ich solle nun den Rand halten und nicht erwähnen, dass Herr X eingenässt sei. Schließlich könne der Taxifahrer ja seine Sitze reinigen lassen…

Ich war inzwischen so geschafft, dass ich das ganze Spielchen mit einem üblen schlechten Gewissen mitgespielt habe, nur um endlich den Herrn zurück in unsere Obhut bringen zu können.

Die ganze Sache hat insgesamt fast 3 Stunden gedauert. Und ich kann eins sagen: noch nie habe ich mich so hilflos gefühlt, bin nachhaltig so erschüttert worden. Die Unmenschlichkeit, die uns von „helfenden“ Berufsgruppenvertretern entgegen geschlagen ist, treibt mir heute noch die Tränen in die Augen.Smilie traurig

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