Promis sagen… Julia Beerhold

Julia BeerholdIn unserer Serie „Promis sagen…“ lassen wir Prominente zu Wort kommen, die uns ihre Erfahrungen und Gedanken zum Thema „Behinderung“ mitteilen möchten.

Einen ausführlichen Beitrag als Reaktion auf unsere Fragen zur Verfügung gestellt hat uns hier Julia Beerhold, bekannt als langjährige Darstellerin aus der WDR-Fernsehserie „Die Anrheiner“. Sie spielt dort die Karin Radke. (Foto: Jeanne Degraa)

Hier der Beitrag von Julia Beerhold:

Zum Thema Behinderung fällt mir als erstes immer eine Geschichte ein, die mir meine Freundin Susanne vor etlichen Jahren erzählt hat. Sie ist Lehrerin für lernbehinderte Kinder. Einige Schüler waren mal traurig, weil sie von anderen Kindern wegen ihrer Behinderung gehänselt wurden. Meine Freundin stellte sich vor die Klasse und sagte: „Gut, dann sammeln wir jetzt mal alle Arten von Behinderungen, die wir kennen. Fangen wir mit mir an. Bin ich behindert?“ Die Kinder verneinten natürlich. „Doch, ich bin auch behindert. Ich habe eine Brille. Also bin ich sehbehindert. Was gibt es noch für Behinderungen? Lasst uns mal sammeln.“ Sie schrieb alles, was die Kinder sagten, an die Tafel. Als die Kinder der Meinung waren, alle möglichen Behinderungen aufgeschrieben zu haben, sagte meine Freundin: „Nein, eine fehlt noch. Die häufigste. Unter der die meisten Menschen leiden, viele, ohne es zu bemerken. – Die Charakterbehinderung! Das ist die einzig schlimme.“

Ich fand das sehr witzig, aber vor allem treffend. Charakterbehindert, was für ein Wort. Und sie hat recht. Das ist die einzig schlimme Behinderung, finde ich.

Aber ich habe ja auch gut reden. Bin ja nicht behindert. Im allernächsten Umfeld habe ich zwar viel mit einer bestimmten Körperbehinderung zu tun, aber ich nehme das gar nicht als Behinderung war. „Er“ ist halt so und mich stört das überhaupt nicht. „Ihn“ stört es aber, denn er kann bei vielen Dingen, die andere tun, nicht mitmachen, und das macht ihn auch nach all diesen Jahren manchmal noch traurig. Mir tut das leid, aber ich kann und will ihn nicht als Behinderten sehen, denn für mich ist er halt mehr als die paar Sportarten, die er nicht ausüben kann: er ist doch ein ganzer Mensch mit noch ganz vielen anderen Eigenschaften. Und wenn er nicht so schnell gehen kann wie andere, na ja. Ich renne eh viel zu hektisch durch die Gegend. Aber natürlich verstehe ich die Trauer, die eine Körperbehinderung mit sich bringen kann. Nur meine ich, dass man bei allen negativen Gefühlen, die ja auch ihren Platz brauchen, nicht übersehen soll, was man alles machen KANN.
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Abgesehen von körperlichen Schmerzen und konkreten Alltags-Problemen hat man aus meiner Sicht weniger mit seiner Behinderung zu kämpfen als mit den Dingen und der Umgebung: als Rollifahrer mit blöden Schwellen oder Treppen, als Legastheniker mit dem Unverständnis der anderen, als Mensch mit Down-Syndrom mit Mitmenschen, die einen nicht für voll nehmen, und so weiter und so fort. Und wo fängt Behinderung an? Ist das nicht so wie mit Krankheit? Ich will selber entscheiden, ob ich mich als kranker Mensch sehe oder als jemand, der gesund ist mit gewissen Einschränkungen. Das ist ein Riesenunterschied. Und wenn ich eine Behinderung habe, dann habe ich ja nicht nur eine Behinderung, sondern noch ganz viel anderes an mir. Warum sollte ich mich also auf die Behinderung konzentrieren und nicht auf den ganzen Rest? Und wie ich damit umgehe, ist ganz allein meine Entscheidung.

Als ich sechs Wochen alt war, bekam ich plötzlich am ganzen Körper Hämangiome. Das sind dicke Blutschwämme. Leuchtend lila. Auch im Gesicht hatte ich zwei, einen riesigen direkt auf der Nase, so dass ich jeden Tag im Jahr Karneval hatte. Bis ich sieben Jahre alt war, rannte ich mit einer lila Clownsnase herum. Danach wurde das Gewebe durch Bestrahlungen langsam hautfarben, aber erst mit 16 Jahren konnte ich das erste Mal operiert werden, ab 18sah ich dann endlich „normal“ aus. Die dritte noch ausstehende Operation habe ich nie machen lassen. Irgendwie fand ich es ganz gut, noch daran erinnert zu werden, „woher ich komme“, auch wenn manchmal noch irgendwelche Idioten „Haifischnase“ oder so was sagen, und mich das dann trotzdem noch trifft. Sind halt Idioten.
Ich weiß ziemlich genau, wie es sich anfühlt, angestarrt, ausgelacht und gehänselt zu werden. Ich kenne auch schlaue Fragen wie „Ist das ansteckend?“ „Kannst du mich verstehen?“ „Darf ich das mal anfassen?“ „Sehen bei euch alle so aus?“ „Ist das, damit die Brille nicht runterfällt (hahaha)?“ „Tut das weh?“ Oder einfach ein herzhaftes: „Kartoffelnase! Knollennase!“

Heute bin ich ganz froh über die damals natürlich ziemlich schmerzhaften Erfahrungen. Wer weiß, sonst wäre ich vielleicht nur eine doofe Blondine geworden. 😉 Ich glaube, dass ich mich ganz gut in andere Menschen hineinversetzen kann, und reduziere niemanden auf ein „Einzelteil“ – und eine Behinderung ist halt in meinen Augen immer nur ein Einzelteil. Ein Teil eines Menschen, der ihn vielleicht einschränkt, der sein Leben vielleicht in eine andere Richtung lenkt als ursprünglich geplant, der ihn vielleicht von anderen abhebt, besonders macht, aber eben immer nur ein Teil. Und wie gesagt: das Problem ist in meinen Augen nicht die Behinderung, sondern der Umgang damit und die äußeren Umstände.
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Was ich mir wünsche im Umgang mit Behinderten:
Erst mal Normalität. Dass es normaler wird, dass nicht alle Menschen gleich sind, sondern dass es einfach Unterschiede gibt. Fertig.
Respekt – wie zum Beispiel beim Umgang mit alten Menschen. (Alte Menschen sind doch nicht doof! Nur halt alt!)
Taktgefühl: Darf man alles, was anders ist, einfach thematisieren? Nein, darf man nicht!
Darüber hinaus fände ich es gut, wenn der öffentliche Raum barrierefrei gestaltet würde. Ich sehe ziemlich oft, dass es z.B. für Rollstuhlfahrer fast nicht möglich ist, irgendwo durchzukommen, und wenn ich das schon sehe, die ich ja nicht davon betroffen bin…

Außerdem wünsche ich mir, dass Menschen mit Behinderung öffentlich stärker wahrgenommen werden, damit es nichts Ungewöhnliches mehr ist. Als ich klein war, bekam die Besitzerin des Lebensmittelgeschäfts in unserem Dorf ein Kind mit Down-Syndrom. Sie war eine nette, warmherzige Frau. Aber sie war völlig verunsichert, wie sie mit ihrem Kind in der Öffentlichkeit umgehen sollte, denn sie hatte Angst, dass die Kunden nicht mehr kämen, weil es schon abfällige Bemerkungen gegeben hatte. Meine Mutter war empört und bestärkte sie im Gespräch, ihren Sohn immer im Laden spielen zu lassen, denn er war gerne da. Später habe ich mich immer gefreut, als wir uns dort als junge Erwachsene über den Weg liefen, denn er machte dann dort seine Ausbildung.
Aber ich war schon damals geschockt, dass man überhaupt überlegen muss, ob sich andere durch eine Behinderung gestört fühlen könnten, und war stolz auf meine Mutter, weil sie so sauer war, dass man sein Kind „verstecken“ soll, bloß weil es anders als die anderen ist. Das waren vielleicht andere Zeiten und es war auf dem Dorf, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass sich noch nicht so viel geändert hat, denn zum Beispiel im Fernsehen und in Printmedien sehe ich mit wenigen Ausnahmen nur „nichtbehinderte“ Menschen. Da sind wir von Normalität noch weit entfernt.

Ihre Seite finde ich gut, weil sie sich nicht an Menschen mit einer bestimmten Behinderung richtet, sondern ganz allgemein ein Forum ist für Menschen, die durch gewisse Einschränkungen spezielle Bedürfnisse haben. Mir gefällt gut, dass hier versucht wird, alles unter ein Dach zu kriegen, und dass sich hier verschiedene Erfahrungswelten überschneiden: behindert und nicht-behindert, verschiedene Arten der körperlichen Einschränkung, (gesundheits-)politische Themen, praktische Tipps und vieles mehr. Und dass es eine Seite von Behinderten für Behinderte ist, gefällt mir auch. Ich finde es einfach gut, wenn man mehr über einander erfährt!

Ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Erfolg für Ihr Portal.

Herzliche Grüße
Julia Beerhold

» Julia Beerhold bei der agentur factory

Wir bedanken uns herzlich bei Julia Beerhold für ihren für 4hc verfassten Beitrag.

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