Mein Krebs (Teil 8)

Nikolai von WurzbachNikolai von Wurzbach (40) schildert in dieser Serie seinen Kampf gegen die Leukämie. Nach massiven Beschwerden traf ihn im Alter von 24 Jahren die Diagnose „Leukämie“ wie ein Hammerschlag. Er unterzog sich daraufhin einer schmerzhaften, aber lebensrettenden Chemotherapie, in deren Verlauf er den Krebs schließlich besiegte. Er gilt als geheilt und lebt heute mit Familie in Soest.

Aufbruch in ein neues Leben

Ich gehe zum ersten Mal nach langer Zeit joggen. Unglaublich, wie schnell ich meine körperliche Belastbarkeit und Kondition aufbauen kann. So gebe ich mir das Gefühl, alles wieder im Griff zu haben. So bin ich. Das ist meine Überlebensstrategie.

Meine Kopfhaare wachsen. Sie sind dunkler geworden. Ein Stück Normalität kehrt zurück. Obwohl die Haare noch sehr kurz sind, ist es wie ein Wunder, wieder Haargel benutzen zu können. Wenn ich in den Spiegel schaue, habe ich mich verändert. Vieles hat sich für mich verändert. Ich bin ein anderer Mensch als vor sieben Monaten. Meine inneren Werte und Maßstäbe haben sich verschoben. Wird das so bleiben? Sicher ist, dass mein Leben nicht sorgenfreier geworden ist. Dennoch empfinde ich es weiterhin als lebenswert. Kein Mensch würde mit mir tauschen wollen, aber auch ich würde mit niemandem tauschen wollen. Ich verabscheue Momente der Lähmung oder Stagnation und möchte, dass sich ständig etwas tut. Ich nehme das Leben auf eine entscheidungsfreudige Weise an. Oder muss ich mir beweisen, wieder im vollen Saft des Lebens zu stehen? Ich habe jedoch das befriedigende Gefühl, nichts von dem, was ich tue, ausdrücklich rechtfertigen zu müssen. Die Krankheit hat in mir eine stille Geradlinigkeit geweckt, die ich vorher so nicht kannte. Das ist mein Wunsch nach Leben. Wenn schon diese Krankheit, dann möchte ich jetzt fester und mir meiner selbst bewusster in diesem Leben stehen. Das ist ein gutes, ja ein stolzes Gefühl. Ich genieße die leise Ahnung, auf einer breiteren Basis zu stehen. Alles Weitere wird sich zeigen müssen. Eine Wirklichkeit ist gegangen, eine neue ist gekommen.

Heute – nach über zehn Jahren – gelte ich schon lange als geheilt. Die radikale Zäsur von damals verblasst, hallt aber immer noch gewaltig nach. Es kommt mir vor, als sei nichts, kein Bereich von der Leukämie unberührt geblieben. Und manchmal habe ich das Gefühl, niemandem vermitteln zu können, was dieser Einschnitt auch heute noch für mich bedeutet. Dann fühle ich mich allein und unverstanden. Dennoch geht das Leben weiter, und wenn mich der Alltag fest umklammert und herausfordert, wünsche ich mir etwas von der Weisheit zurück, die ich zu erkennen glaubte, als meine Wirklichkeit sich so sehr veränderte. Dann halte ich an oder muss mich dazu zwingen, werde ruhig, atme tief durch, gehe vielleicht spazieren und führe mir die Gnade vor Augen, die mir zuteil wurde. Das Leben ist rätselhaft, nicht leicht, aber schön…

(Ende der Serie)

Nik v. Wurzbach

Nik v. Wurzbach

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2 Kommentare zu Mein Krebs (Teil 8)

  1. Anturius

    „Hier war die Arznei, die Patienten starben und niemand fragte, wer genas,
    so haben wir mit höllischen Latwergen, in diesen Tälern, diesen Bergen
    weit schlimmer als die Pest getobt, ich selbst habe das Gift an Tausende gegeben, sie welkten hin, ich muss erleben, dass man die frechen Mörder lobt.“

    Goethe Faust I

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