Mein Krebs (Teil 6)

Nikolai von WurzbachNikolai von Wurzbach (40) schildert in dieser Serie seinen Kampf gegen die Leukämie. Nach massiven Beschwerden traf ihn im Alter von 24 Jahren die Diagnose „Leukämie“ wie ein Hammerschlag. Er unterzog sich daraufhin einer schmerzhaften, aber lebensrettenden Chemotherapie, in deren Verlauf er den Krebs schließlich besiegte. Er gilt als geheilt und lebt heute mit Familie in Soest.

Die dritte Chemo

Für den dritten Chemoblock bin ich nur wenige Tage im Krankenhaus, doch schon verliere ich wieder das Gefühl für Zeit. Die genaue Uhrzeit, der Wochentag, das Datum sind mir egal und verschwimmen während der Routine in dieser eigenen Krankenhauswelt.

Letzte Woche wurde ich schon wieder septisch. Ich heule vor Wut und Angst vor dem, was ich bereits so gut kenne. Wegen der letzten Blutvergiftung habe ich eine Allergie gegen bestimmte Keime entwickelt, sagen die Ärzte. Das Fieber und die Körperschmerzen überrumpelten mich in der Nacht. Die Behandlung mit Antibiotika, die bereits neben meinem Bett lagerten, wurde sofort gestartet – mit durchschlagender Nebenwirkung auf meine Verdauung. Ich habe fünf Tage lang Durchfall, obwohl ich nichts essen kann, bade wieder in erschöpfenden Schmerzen, bin wieder bewegungsunfähig und hilflos, wie festgenagelt.

Mit den Nägeln durch mein Fleisch. Jeder Atemzug ein Stöhnen. Mund und Rachen sind ausgetrocknet. Starre wieder stumpf aus mir heraus. Tag oder Nacht? Ich weiß es nicht. Kann nicht schlafen vor Schmerz. Die Nachtschwester rettet mich mehrmals, da ich nicht anders kann und in mein Bett mache. In diesen Momenten empfinde ich keine Scham. Mein Ich löst sich nicht auf, aber es reduziert sich wieder auf ein Minimum. Irgendwann erwache ich aus diesem Alptraum.

Mittlerweile nehme ich die Krankenhausstation völlig anders wahr. Ich bin nach all den Monaten zu einem Teil von ihr geworden. Alles ist mir vertraut. Meine Welt. Es herrscht eine familiäre Atmosphäre, auch wenn jeder von uns Krebspatienten lieber fortginge, wenn er könnte. Er könnte fortgehen, aber der Glaube an die Behandlung oder besser die Angst vor der unbehandelten Krankheit ist stärker. Ich fühle mich sicher, gut aufgehoben, geborgen, sogar wohl. Ich bin in diesem Moment am richtigen Platz. Das Team der Station trägt zu diesem Empfinden bei. Niemand hier rennt auf die Straße und schreit lauthals vor Panik. Nein, jeder und alles funktioniert und arbeitet ruhig, routiniert und professionell gegen die Krankheit. Der Umgang mit der Leukämie ist hier völlig normal. Das beruhigt ungemein, da man doch ahnt, dass der Tod um das Gebäude schleicht.

Meinen 25. Geburtstag beging ich wie ein Fisch an Land. Da ich im Krankenhaus war, wollte ich keine Feier organisieren. Mir war nicht danach. Über die vielen Gratulanten und Anrufe freute ich mich trotzdem. Der Stationsarzt entließ mich mittags für einige Stunden nach draußen. Dort verbrachte ich zusammen mit meinen Eltern eine angenehme, entspannte und ruhige Zeit, ganz im Sinne meiner erschöpften Stimmung. So ist es also, wenn man als Leukämiepatient ein Jahr älter wird. Ich habe weitergelebt und mich nicht in Luft aufgelöst.

Das alles türmt sich manchmal so mächtig über mir auf, dass ich zittere. Abends im Krankenhaus haben mein Zimmernachbar Sven und ich noch etwas getrunken – Sekt und Bier. Da ich so etwas schon lange nicht mehr zu mir genommen hatte, hob der Alkohol meine Stimmung ziemlich schnell. Wir, das lustige Krebskommando, hatten Spaß. Am Ende war mir schlecht, ich musste mich übergeben und alles drehte sich. Es war herrlich, endlich wieder einmal betrunken zu sein und mich nicht nur wegen einer scharfen Chemotherapie übergeben zu müssen.

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