Mein Krebs (Teil 4)

Nikolai von WurzbachNikolai von Wurzbach (40) schildert in dieser Serie seinen Kampf gegen die Leukämie. Nach massiven Beschwerden traf ihn im Alter von 24 Jahren die Diagnose „Leukämie“ wie ein Hammerschlag. Er unterzog sich daraufhin einer schmerzhaften, aber lebensrettenden Chemotherapie, in deren Verlauf er den Krebs schließlich besiegte. Er gilt als geheilt und lebt heute mit Familie in Soest.

Beginn der zweiten Chemo

Die Dosis der zweiten Chemotherapie ist weit höher als die der ersten. Meine Konzentration und Wachheit zerfließen wenige Minuten nach der ersten Infusion wieder. Dieses Gefühl, von vorne beginnen zu müssen, überfordert mich. Trotzdem bin ich ruhig und reduziere mich stur und hoffnungsvoll auf den Willen weiterzumachen.

Am dritten Tag der Behandlung wird mir speiübel. Ich spucke grüne Galle und spüre, wie die Medikamente in meine Knochen dringen, um die Krebszellen zu zerstören. Irgendein Arzt oder Pfleger erzählt mir, dass einige Chemotherapeutika in der Vergangenheit Textilfarben deutscher Chemieriesen waren. Ihre vernichtende Kraft gegen Krebszellen wurde durch Zufall entdeckt, als irgendein Arbeiter immer wieder mit seinen Händen in die Flüssigkeiten geraten war. So fließen nun eine rote und eine blaue Brause in mich hinein, die vor Jahrzehnten wahrscheinlich zur Färbung von Stoffen genutzt wurden. Von innen muss ich dann wohl jetzt blau oder rot sein je nach Tagesmenü.

Die Therapie stellt meinen Sinn für Geschmack und Appetit auf den Kopf. Ich bekomme oft einen Heißhunger auf etwas, vor dem ich mich kurz vor oder nach dem Verzehr ekele. Einige Nahrungsmittel schmecken völlig anders als sonst. Ich habe diesen chemischen Geschmack nach Klebstoff im Mund, egal wie oft ich gurgle. Widerlich.

Die Zeit des Wartens zwischen Chemo und ihrer Wirkungen liegt bei ungefähr einer Woche und ist wie die berühmte Ruhe vor dem Sturm. Und dann zeigt die Momentaufnahme der heutigen Blutprobe, dass meine Blutzellenbildung sich während des letzten Tages halbiert hat. Die Medikamente schlagen nun durch. Ich bin zum zweiten Mal isoliert und an das Zimmer gefesselt. Zeit der Quarantäne, der penetranten Mundspülungen, der Furcht vor jeder Infektion. Die Besucher müssen sich wieder vermummen. Ich darf mich wegen der Einblutungsgefahr nicht unnötig anstrengen oder belasten, da meine Blutgerinnung nicht mehr einwandfrei funktioniert. Jeder Tag ohne Fieber ist ein guter Tag und stimmt mich froh. Ich komme mir vor wie im Gefängnis. Ein Gefängnis ist aber keine lebensbedrohliche Krankheit. Vielleicht bleibt es ja eine ganz harmlose Nachwirkungsphase. Oder bin ich naiv? Eine Chemo darf im Grunde nicht harmlos sein, denn der Krebs ist auch nicht harmlos. Die Therapie muss alles niederwalzen.

Ich schwebe. Die Ruhe ist angenehm. Ich genieße sie. Ausruhen, Nachdenken, Stille. Aber um welchen Preis. Lebensgefahr.

Das Zimmer wird zur Heimat. Wochenlang dieselben Wände, Gerüche und Gegenstände. Stillstand. Gefängnis. Ewiges Warten. Aber ich weiß mich zu beschäftigen, lese, höre Musik. Trotzdem vergehen die Tage wie im Flug.

Ein Pfleger hat mir heute die Haare geschoren, die mir seit Tagen büschelweise ausgefallen sind. Hier im Krankenhaus berührt mich die Haarlosigkeit nicht. Sie gehört hier zum Krebspatienten wie das Wasser zum Fisch. Die Glatzköpfigkeit hat für mich äußerlich die zweite Runde des Kampfes eingeläutet. Mit jedem Blick in den Spiegel wird mir die jähe Veränderung meines Lebens bewusst. Ist mir der nackte Kopf doch nicht egal? Ich bin auch nackt. Nackt vor dieser Herausforderung. Ich empfinde sogar Stolz. Jetzt erst recht. Ich bin ein Krieger – mit Kahlkopf. Das nackte Haupt wird mir draußen unangenehmer sein. Dort werde ich mich nicht normal fühlen. Aber es gibt Kappen. Auf dem Krankenhausgelände erkennt man den männlichen Leukämiepatienten an Mundschutz und Baseballkappe. Die Medikamente treiben Ausschlag in meine Kopfhaut, so dass die Glatze wie ein rotfleckiger Streuselkuchen aussieht. Ansonsten trocknet die Therapie meine Haut aus. Pickel kann ich in meinem Gesicht daher nicht mehr finden. Das ist auch etwas Gutes. Dennoch ist alles anders. Mein Körper, den ich so gut kannte, ist mir fremd geworden. Er ist irgendwie unberechenbar. Daher versuche ich meinem Instinkt zu vertrauen. Wenn ich mich gesund fühle, dann ist es gut. Daran halte ich mich fest. Moment für Moment, Stunde für Stunde, Tag für Tag.

Ich gebe mich meinen Tagträumereien hin und bemühe mich, mich mit hoffnungsvollen Gefühlen aufzuladen. Positiv denken. Wieder schweben. Irgendwann meditiere ich. Es funktioniert. Zumindest fühlt es sich gut an. Obwohl ich wochenlang an dieses Zimmer gebunden bin, ist doch in meinem Inneren sehr viel geschehen. Ich spüre, dass mein Leben nicht aufhören wird. Das fühlt sich greifbar an für mich. Ich lebe, atme und mein Herz schlägt. Es geht weiter. Bestimmt. Alles in mir ist hellwach.

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