Mein Krebs (Teil 3)

Nikolai von WurzbachNikolai von Wurzbach (40) schildert in dieser Serie seinen Kampf gegen die Leukämie. Nach massiven Beschwerden traf ihn im Alter von 24 Jahren die Diagnose „Leukämie“ wie ein Hammerschlag. Er unterzog sich daraufhin einer schmerzhaften, aber lebensrettenden Chemotherapie, in deren Verlauf er den Krebs schließlich besiegte. Er gilt als geheilt und lebt heute mit Familie in Soest.

Weiterer Verlauf und Ende der ersten Chemo

Die Ärzte sind zufrieden. Weiter so, Schritt für Schritt. Das Krankenhaus und der Umgang mit meiner Erkrankung werden zu meinem neuen Alltag. Diagnose Krebs, aber es geht doch weiter. Ich gewöhne mich an die neuen Umstände. Das bewahrt mich vor dem Blick auf den übergroßen Zusammenhang, an dem ich zerbrechen könnte. Unangenehmes – wie die nächste Knochenmarkspunktion – in naher Zukunft oder unmittelbarer Vergangenheit berührt mich nur leicht. Für mich zählt nur das gegenwärtige Detail. Zumindest rede ich mir das ein.

Heute bin ich in ein anderes Zimmer umgezogen. Jupp ist schon längst nach Hause entlassen worden. Ich wünsche ihm nach allem, was er durchgemacht hat, von Herzen, er möge gesund bleiben. Und irgendwie bin ich auch neidisch.

Ab sofort liege ich neben dem achtzehnjährigen Christian, der bereits seine dritte Nachwirkungsphase durchläuft. Wir beide sind also isoliert. Jugend unter Quarantäne. Wir sollten doch draußen sein und die Welt erobern. Unsere Abenteuer finden aber hier statt.

Das Isolationsfieber überrascht mich nach einigen Tagen doch und brennt mich in Schüben aus. Fiebern, Entfiebern, Dämmern, Fiebern, Entfiebern, Dämmern – das ist die Routine einiger Tage. Während der Nächte koche ich und bade in Schweiß. Aufreibender Schüttelfrost kündigt den nächsten Fieberschub an. Die Stunden, Tage und Nächte verschwimmen zu einem Brei. Ich bin zwar wach, aber eigentlich tauche ich nur kurz an die Oberfläche, bevor mich das nächste Fieber, das Bibbern oder die Müdigkeit wieder nach unten ziehen. Mein Kreislauf liegt am Boden. Aus dem Bett aufzustehen, kann zur Ohnmachtsfalle werden. Ich fühle mich in den Dämmerphasen nach dem Fieber wie nach einem Dauerlauf, der kein Gefühl der Zufriedenheit, sondern nur erschöpfte Leere hinterlässt. Es sind mittlerweile zu viele Dauerläufe. Anrufe kann ich nicht entgegennehmen, weil ich zu schwach bin. Ein Telefongespräch, ja sogar das Abnehmen des Hörers sind zu anstrengend. Während der Fiebertage fordert mein Vater mich öfters auf, nicht so zu grübeln, da er mich fiebrig finster an die Zimmerwände starren sieht. Ich versuche ihm verständlich zu machen, dass ich einfach nur ausgelaugt und stumpf aus mir herausglotze.

Meine Antibiotikabehandlung gegen die Fiebererreger wird umgestellt. Die Infusionen laufen mit deftigem Brennen durch eine Armvene in mich hinein. Endlich, die Breitbandantibiose wirkt. Das höllische Fieber verschwindet nach vier Tagen. Gut. Meine Gegenwart klart wieder auf. Ich kann nichts denken. Nach diesem Fiebergetöse rauscht mir der Kopf. Aber ich habe den ersten Therapieblock hinter mich gebracht. Und alles wird ruhig.

Am Montag soll ich punktiert werden. Nur so kann der Erfolg der ersten Chemotherapie kontrolliert werden. Um zwölf Uhr ist es soweit und die unangenehme Spannung bis dahin wächst. Hat die Therapie gewirkt und alle mutierten Zellen vernichtet? Was ist, wenn es nicht so ist? Auf beruhigende Weise bin ich mir aber sicher, dass alles in Ordnung ist. Für dieses Bauchgefühl bin ich dankbar. Mein innerer Kompass ist doch noch da. Dieses wiederkehrende Vertrauen in mich und meinen Körper stimmt mich froh. Es verstärkt meine Hoffnung, meinen Glauben, alles werde gut.

Ich liege auf dem Bauch, Pfleger Stefan kniet neben mir und hält meinen Arm. Mein Zimmergenosse Christian wird auf den Stationsgang geschickt. Der Arzt punktiert meinen linken Beckenkamm – kurz, aber heftig. Mir ist schlecht, die Punktionsstelle schmerzt, doch das geht schnell vorüber. Nachmittags erfahre ich das Laborergebnis. Die Behandlung war ein Erfolg! Die Krebszellen sind aus meinem Knochenmark verschwunden. Die Medikamente schlagen also an. Sehr gut. Ein erster Sieg. Dieser Zustand muss nun erhalten werden. Die Ärzte haben dann entschieden, mich nach diesem Therapieblock für einige Tage nach Hause zu schicken. Ich soll mich dort vor der nächsten Behandlung erholen. Endlich nach Hause und ein wenig Ruhe. Ich bin froh, dankbar und fühle mich völlig ruhig. Ein kleiner mutiger Teil in mir schwebt und lächelt vor Glück.

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