Mein Krebs (Teil 2)

Nikolai von Wurzbach

Nikolai von Wurzbach (40) schildert in dieser Serie seinen Kampf gegen die Leukämie. Nach massiven Beschwerden traf ihn im Alter von 24 Jahren die Diagnose „Leukämie“ wie ein Hammerschlag. Er unterzog sich daraufhin einer schmerzhaften, aber lebensrettenden Chemotherapie, in deren Verlauf er den Krebs schließlich besiegte. Er gilt als geheilt und lebt heute mit Familie in Soest.

Beginn der Therapie

Der Einstieg in die neue Welt verläuft schnörkellos. Ich werde voruntersucht, für die Krankenhausverwaltung und die Versicherung katalogisiert, auf die dringliche Behandlung vorbereitet, informiert und eingewiesen. Zügig, zügig, denn „es ist fünf vor zwölf, Herr v. Wurzbach.“ Die Walze rollt. Sie überrollt mich hoffentlich nicht. Zu viel! Kleiner Junge an Gott, wir haben ein Problem.

Mein Knochenmark muss noch einmal analysiert werden, also wird mein Beckenkamm hier in der Universitätsklinik wieder punktiert. Die Art meiner akuten Leukämie kann dann noch genauer typisiert werden, erklären mir die Ärzte. Punktionen sind schmerzhaft, aber es war nicht so schlimm wie beim ersten Mal. Da ich weiß, dass Leukämie in mir wütet, ist eine vergleichsweise harmlose Punktion ein Kinderspiel. Nach der Analyse der Probe sagt mir der Oberarzt, 80 bis 90 Prozent meines blutbildenden Knochenmarks seien bereits defekt.

Defekt. Bin ich ein Fehler der Natur? Verdorbene Ware? Unwertes Leben? „Man hat nicht nur ein bisschen Leukämie, sondern ganz oder gar nicht.“ Die Ärzte sind ehrlich und direkt. Ich fühle mich machtlos und bin ergeben. Meine Behandlung müsse so schnell wie möglich beginnen, Aufschub könne man sich angesichts meines kritischen Zustandes nicht leisten. Was heißt das? Wie dünn ist der Puffer zwischen Weiterleben und Sterben? Die schiere Angst kriecht wieder in meinen Magen. „Herr v. Wurzbach, es ist ernst.“

Das weiß ich. Ich spüre es. Es schwelt in meinem Körper. Ich fühle mich müde, müde und krank. Die Leukämie ist wie eine ausufernde Grippe. Meine Glieder und Knochen ziehen vor Schmerz, weil das Mark darin krank ist, sagen die Ärzte. Meine Lymphknoten in den Leisten sind auf die Größe von Pfirsichkernen angeschwollen. Unter der Dusche kann ich die Beulen sehen. Ich mag sie gar nicht berühren. Das ist schon seit Wochen so. Meine Blutgerinnung funktioniert nicht mehr richtig, daher sind meine Füße und Unterschenkel mit roten Punkten, winzigen Einblutungen, übersät. Ein Weisheitszahn, der sich vor Wochen entzündet hat, wird immer schlimmer. Wenn ich aufstehe, wird mir schwindelig. Zweimal schon bin ich ohnmächtig geworden. Und immer diese lähmende Erschöpfung. Mein Körper spielt verrückt. Nichts funktioniert mehr richtig. Ich kann mich nicht mehr auf ihn verlassen. Er lässt mich im Stich. Ich lasse mich selbst im Stich. Krank. Zu viel. Ich will schlafen.

Ich fasse Vertrauen zur gesamten Mannschaft der Station. Trotzdem nagen abends die 80 bis 90 Prozent verkrebsten Knochenmarks. Abstruse Vermutungen schwirren deswegen durch meinen Kopf. Als medizinischer Laie weiß ich kaum etwas über die Leukämie, denke aber natürlich über alles nach. Die Ärzte sind nicht immer greifbar und können daher den Berg von Fragen nicht beantworten. Besorgnis, Erklärungsversuche, Bedrückung und Ratlosigkeit sind das Ergebnis. Die Ungewissheit lastet wie ein tonnenschwerer Stein aus Angst auf mir. Ab einem Punkt habe ich nur noch die Schnauze voll und will nichts mehr denken. Ich will leben, mich den Ärzten einfach anvertrauen und allein das Nötigste wissen.

Während der ersten Chemotherapie lässt meine Konzentration stark nach. Die scharfen Medikamente drücken auf mein Denken. Außerdem habe ich mit Fieberausbrüchen zu kämpfen, die als Nebenwirkungen der Therapie auftreten und mich durchschütteln. Appetitlosigkeit wegen Übelkeit, die mir im Hals sitzt, und dumpfer Mattheit – das „Spiel“ ist nicht einfach, aber, ganz ehrlich, ich hatte es mir bei weitem härter vorgestellt. Wird es das noch? Ich fürchte schon. Es ist schauerlich zu wissen, eine Chemotherapie machen zu müssen und die Therapeutika in meinen Arm fließen zu sehen. Aber ich habe mich schon zu schnell daran gewöhnt, um es ständig zum Kotzen zu finden.

Zur Zeit befinde ich mich in einer Isolationsphase. Die Chemo hat mein Knochenmark niedergerungen und staucht meine Blutproduktion. In diesem Zustand sind meine köpereigenen Abwehrkräfte arg geschwächt. Nun ist das Risiko einer Infektion für meinen Körper verhältnismäßig hoch. Mein Zimmer darf ich nun erst wieder verlassen, wenn die Blutwerte wieder ansteigen. Zu meinem Schutz müssen Besucher sich ab sofort mit Kopfhaube, Kittel, Mundschutz und Überschuhen verkleiden. Halloween im Krankenhaus. Körper- und Mundpflege mit allerlei Desinfektions- und Antipilzsäften gehören nun ebenfalls zur Vorsorge gegen Infektionen. Es herrscht ein merkwürdig schwebender Zustand. Wird die Wirkungsphase dieser ersten Chemo gut und ohne Komplikationen verlaufen? Oder wird doch ein Fieber ausbrechen? Ich bin guter Dinge und genieße die stille Hoffnung.

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Ein Kommentar zu Mein Krebs (Teil 2)

  1. Nachrichten

    Ein sehr interessanter Artikel. Sollten Sie noch weitere Informationen haben – wurde ich mich freuen

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